Wirtschaftslehre

Wirtschaftskunde, Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre

Netzwerkeffekte


Einer der zentralen Thesen zur Internetökonomie lautet, dass die kritische Masse zum Schlüsselfaktor der vernetzten Wirtschaft wird. Aber was muss man sich darunter genau vorstellen? Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen die sogenannten Netzwerkeffekte (auch Netzwerkexternalitäten genannt). Netzwerkeffekte lassen sich in der Volkswirtschaftslehre zu den externen Effekten zählen. Unter externen Effekten versteht man allgemein gesagt, Situationen in denen das Verhalten eines Individuums durch ein anderes Individuums beeinflusst wird. Das Verhalten des Individuums hat also einen "Effekt" auf das andere Individuum. Netzwerkeffekte sind nun ein Sonderfall der externen Effekte, bei den sich der Nutzen aus einem Produkt für einen Konsument ändert, wenn andere Konsumenten das Produkt ebenfalls nutzen. Das einleuchtendste Beispiel von Netzwerkeffekten ist das Telefon. Alleine macht so ein Telefon nicht viel Sinn. Haben es zwei Konsumenten, können sie schon immer hin untereinander telefonieren, der Nutzen nimmt also zu. Umso mehr Menschen das Telefon nutzen, umso höher wird auch der Nutzen für den jeweiligen Nutzer.

Positive und negative Netzwerkeffekte

Das Telefonbeispiel zeigt sogenannte positive Netzwerkeffekte. Hier steigt der individuelle Nutzen mit der Anzahl der Nutzer. Tatsächlich sind aber nicht nur positive Netzwerkeffekte denkbar, sondern auch negative. Unter negative Netzwerkeffekte kann man sich beispielsweise die Nutzung von Luxusprodukten vorstellen. Umso mehr Menschen diese spezielle Produkte nutzen, umso mehr verlieren sie ihre Exklusivität und werden damit wieder für die bestimmte Zielgruppe uninteressant, die sich damit abheben möchten. Generell gelten negative Netzwerke für sogenannten "Congestion-Markets", also Produkte/Dienstleistungen bei denen eine überhöhte Nutzung zu einer Überlastung und damit Überfüllung/Verstopfung führen kann. Dies ist beispielsweise bei Autobahnen oder dem Internet der Fall. Umso mehr Autos auf der Autobahn fahren, umso vorsichtiger und langsamer muss man fahren. Hinzu kommt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für Staus erhöht und sich damit der Nutzen für die einzelnen Fahrer sinkt.

Direkte und indirekte Netzwerkeffekte

Eine weiter Unterscheidung bei Netzwerkeffekten nimmt man zwischen direkte und indirekte Netzwerkeffekten vor. Von direkte Netzwerkeffekte spricht man bei einer unmittelbaren Nutzenänderungen in Abhängigkeit von der Anzahl seiner Konzumenten. Bei indirekte Netzwerkeffekte (auch vertikale Netzwerkeffekte genannt) liegt statt einer unmittelbare eine mittelbare Auswirkung auf den Nutzen des Gutes durch die Anzahl der Nutzer vor. Ein vertikales Netzwerk besteht aus unterschiedlichen komplementären Gütern, sodass sich indirekte Netzwerkeffekte beispielsweise bei Standards beobachten lassen. Nicht ein einzelnes Produkt verhilft einen potentiellen Standard zum tatsächlichen Standard, sondern erst dann wenn viele/alle Hersteller mit ihren Produkten diesen Standard ebenfalls unterstützen. Neben komplementäre Güter sind auch Lerneffekte weitere Ursachen für indirekte Netzwerkeffekte. Durch das Erlernen und Benutzen des einen Produkts können neue Einsatzmöglichkeiten entdeckt werden und die Möglichkeit für komplementäre Güter eröffenen, was zu einem Netzwerkeffekt führen kann.

Positives Feedback und Skaleneffekte

Unter einem positiven Feedback versteht man einen selbstverstärkenden Erfolg. Hierfür muss man sich nur einmal die Einführung einer neuen Technologie anschauen. Am Anfang herrscht große Skeptik, viele Menschen schrecken vor der Nutzung der Technologie und einem Kauf von einem entsprechenden Gerät, das sich der Technologie bedient, zurück. Nur ein kleiner Teil, man spricht hier von den First Movern, Innovatoren, Adaptoren o.ä., probiert die neue Technologie aus. Ist diese überzeugend, spricht sich das nach und nach herum und durch das positive Feedback kann man ein stark steigendes Marktwachstum beobachten. Es liegt hierbei also ein selbstverstärkender Prozess vor. Nach einer gewissen Zeit folgt dann die unvermeidliche Sättigung (siehe dazu auch Diffusionstheorie).

Aus dem positiven Feedback-Effekt ergibt sich nun die sogenannten nachfrageseitigen Skaleneffekte (auch demand-side economies of scale oder positive Netzwerkeffekte), die wiederum die Ursache für Monopole auf Märkten mit Netzwerkeffekten sein können. Ziehen Nutzer immer neue Nutzer an und diese neue Nutzer ebenfalls weitere Nutzer usw., dann kann dies dazu führen, dass im Extremfall plötzlich ein Unternehmen den ganzen Markt beherrscht. Man spricht dann von einem Winner-Takes-It-All Markt.

Damit lässt sich beispielsweise der damalige Siegeszug von Microsofts Betriebssystem Windows erklären oder das damit fest verbundene Microsoft Office. Früher konnte man beispielsweise Office-Dokumente mit keinem anderen Programm öffnen und bearbeiten. Wer also davon angewiesen war, mit fremden Dokumenten zu hantieren, der musste ebenfalls Microsoft Office auf dem eigenen Computer installiert haben. Sicher hätten die Konsumenten auch gemeinsam ein anderes Programm wählen könne, entschieden sich aber damals unter anderem auf Grund der Funktionsfähigkeit (oder mangels Konkurrenz) für das Programm von Microsoft und sorgten so für den enormen Siegeszug, der bis heute anhält.

Kritische Masse

Im Zusammenhang mit Netzwerken liest man auch oft etwas über die sogenannte kritische Masse. Unter der kritischen Masse versteht man eine bestimmte Anzahl an Nutzer in einem Netzwerk, ab der die Nutzerzahl exponentiell zu wachsen beginnt, der eigentliche Netzwerkeffekt also einsetzt. Wird diese kritische Masse nicht erreicht, dann fällt die Nachfrage wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Betrachtet man einmal die erwartete und die tatsächliche Nachfrage wird man drei Gleichgewichte vor finden, bei denen die etwartete und die tatsächlich nachgefragte Menge übereinstimmt. Das Low-Level Gleichgewicht befindet sich bei Null, das Critical-Level (kritische Masse) befindet sich beim ersten Schnittpunkt der Winkelhalbierende und der Nachfragefunktion, während man das dritte High-Level-Gleichgewicht beim zweiten Schnittpunkt der Nachfragefunktion mit der ersten Winkelhalbierenden vorfindet.

Folgende Regeln gelten für diese drei Gleichgewichtige:
  1. Liegt die nachgefragte Menge zwischen dem Low-Level und Critical-Level Gleichgewicht, konvergiert sie anschließend nach dem Low-Level Gleichgewicht
  2. Liegt die nachgefragte Menge zwischen dem Critical-Level und High-Level Gleichgewicht, konvergiert sie anschließend nach H
  3. Liegt die nachgefragte Menge oberhalb des High-Level Gleichgewichts, konvergiert sie anschließend nach dem High-Level Gleichgewicht

Wie man sieht, sind lediglich das Low-Level und das High-Level-Gleichgewicht stabil. Das Critical-Level-Gleichgewicht, also die kritische Masse, ist instabil und bestimmt ob die Nachfrage nach oben oder nach unten konvergiert.

Quellen:

  • Systems competition and network effects, ML Katz, C Shapiro - The journal of economic perspectives, 1994
  • Information Rules: A Strategic Guide to the Network Economy, C Shapiro, HR Varian, 2010
  • Volker Wiedemer: Standardisierung und Koexistenz in Netzeffekktmärkten. 1. Auflage, Lohmar/Köln: Josef Eul Verlag, August 2007


Artikel vom 25.04.1986