Wirtschaftslehre

Wirtschaftskunde, Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre

Stagflation einfach erklärt


Unter Stagflation verstehen die Wirtschaftswissenschaften die Kombination aus einer stagnierenden Konjunktur und Inflation. Die Konjunktur stagniert dann, wenn die Wirtschaftsleistung weder wächst, noch schrumpft, sondern sich über einen längeren Zeitraum auf demselben Niveau bewegt.

Das Phänomen ist relativ neu und wurde zum ersten Mal in Folge der Ölpreiskrise der 1970er Jahre beobachtet. Der Begriff ist eine an diese Situation angelehnte Wortneuschöpfung, die die beiden Begriffe “Stagnation” und “Inflation” zu “Stagflation” kombiniert. Dabei handelt es sich um ein sehr seltenes Phänomen, das zwei sehr schlechte Konditionen der wirtschaftlichen Entwicklung kombiniert. Damit eine Stagflation vorliegt ist es nicht unbedingt erforderlich, dass sich die Wirtschaft überhaupt nicht entwickelt. Auch ein im Verhältnis zur Inflationsrate sehr geringes Wirtschaftswachstum kann bei einer Stagflation vorliegen.

Die Stagflation der 1970er Jahre war ein Schock für Politik und Wirtschaft. Aus dieser Starre ist es besonders schwer wieder herauszufinden. Ob es zu einer Stagflation kommt, hängt im Wesentlichen davon ab, wie wirtschaftliche Akteure auf Preissteigerungen reagieren. Können Unternehmen die gestiegenen Preise nicht an ihre Kunden weitergeben, geht die Nachfrage zurück, das Produktionsniveau sinkt und die Inflation wird kombiniert mit ausbleibendem Wirtschaftswachstum.

Stagflation in der Geschichte: Ein seltenes Phänomen

Die Kombination aus hoher Inflation und konjunktureller Stagnation kommt so selten vor, dass in der Geschichte nur ein bedeutendes Beispiel dafür zu finden ist: die Ölkrise der 1970er Jahre und ihre Folgen. Politische Spannungen im Nahen Osten führten dazu, dass die Ölproduktion stark heruntergefahren wurde. Dadurch stieg der Preis für den Treibstoff der Weltwirtschaft extrem an, es kam zu einer explodierenden Inflation. In Deutschland erreichten die Werte der Teuerungsrate 13 Prozent zur Mitte des Jahrzehnts. Gepaart war diese Entwicklung mit einer langen anhaltenden hohen Arbeitslosigkeit und einer anhaltenden schlechten wirtschaftlichen Stimmung. Erst zu Beginn der 1980er Jahre begann sich die Wirtschaft wieder zu erholen.

Was sind die Ursachen einer Stagflation

Dass die Stagflation historisch so selten zu beobachten war und auch heute nur geringe Risiken für ein solches Szenario bestehen hat vor allem damit zu tun, dass die wirtschaftlichen Erwartungen während einer konjunkturellen Krise nicht mit der Erwartung steigender Preise einhergehen.

Erwarten wirtschaftliche Akteure keinen Inflationsdruck, führt das in der Regel dazu, dass Preise nicht ansteigen. Grundsätzlich gehört die Inflation zu den Folgen eines wirtschaftlichen Booms und steht selten mit einem Abschwung in Verbindung. Der Grund dafür ist, dass ein konjunktureller Aufschwung eine starke Nachfrage nach Konsumgütern und Investitionsgütern zur Folge hat. Diese Nachfrage führt anschließend zu steigenden Preisen. Sinkt diese Nachfrage dagegen, hat das gewöhnlich fallende Preise zur Folge, weshalb eine wirtschaftliche Schwächephase eigentlich nicht zu hohen Inflationsraten passt.

Bei einer Stagflation stellt sich die Situation dagegen grundsätzlich anders dar. Eine mögliche Ursache können stark steigende Produktionskosten sein, wie das im Zusammenhang mit dem Ölpreisschock der Fall war. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich der Preis für den Rohstoff mehr als verdoppelt. Das erfasste die Produktionskosten in nahezu allen Bereichen der wirtschaftlichen Aktivitäten. Unternehmen konnten die hohen Kostensteigerungen nicht mit Einsparungen ausgleichen und mussten die Preise an die Verbraucher weitergeben. Die Folge war ein stärkerer Anstieg des allgemeinen Preisniveaus und damit der Inflation. Die gestiegenen Preise führten dann zu einer geringeren Nachfrage, was wiederum Sparmaßnahmen bei Unternehmen zur Folge hatte. Eine Konsequenz war ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit, was wiederum zu weiteren Nachfragerückgängen führte. Die Folge war eine darbende Volkswirtschaft mit allgemein sinkender Kaufkraft.

Welche Auswirkungen hat eine Stagflation?

Die Kombination aus konjunktureller Stagnation und Inflation hat dramatische Folgen für die gesamte Volkswirtschaft. Weil das plötzlich ansteigende Preisniveau die Nachfrage drückt und Unternehmen zwingt, die Produktion herunterzufahren, ist einer der wesentlichen Folgen der Stagflation eine steigende Arbeitslosigkeit. Kombiniert wird das mit einem allgemein ansteigenden Preisniveau, was eine Lohn-Preis-Spirale auslösen und die Situation dadurch weiter verschärfen kann.

Eine dramatische Folge kann sein, dass das Vertrauen in die Märkte einbricht und die wirtschaftlichen Aktivitäten insgesamt abgewürgt werden. Banken vergeben keine Kredite mehr, weil sie ihren Gläubigern nicht mehr trauen, Waren- und Kapitalströme kommen zum Erliegen. Um diese dramatische Wendung einer Stagflation hin zu einem Erliegen der wirtschaftlichen Aktivitäten verhindern zu können, müssen Politik und Notenbanken entschieden eingreifen. Weil das Szenario sehr selten ist und die Kombination aus Inflation und Stagnation den gewöhnlichen Maßnahmenpaketen nicht gehorchen würde, sind hier entschiedene aber auch gründlich abgewogene Reaktionen erforderlich.

Welche Gegenmaßnahmen gibt es gegen eine Stagflation?

Das Kernproblem einer Stagflation ist, dass sich die etablierten Maßnahmen gegen ihre Teilaspekte, Konjunkturförderung gegen Stagnation und Leitzinserhöhung und Geldmengenverknappung gegen Inflation hier gegenseitig ausschließen. Die eine Maßnahme befördert die Konjunktur, heizt dabei aber die Inflation an. Die andere Maßnahme bekämpft dagegen die Inflation, führt aber zu einem Abkühlen der konjunkturellen Dynamik. Wirtschaftswissenschaftler konzentrieren sie daher auf einen ganz speziellen Aspekt der Stagflation, um der Entwicklung gegenzusteuern: die Lohn-Preis Spirale.

Hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte, die darauf zielen, den Arbeitsmarkt zu liberalisieren und die Integration Arbeitsloser in die Beschäftigung zu erleichtern. Wenn es gelingt, das Arbeitsangebot in dieser Phase zu erhöhen und den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt in Gang zu bringen, lässt sich zumindest dieser verschärfende Aspekt der Krise in den Griff bekommen. In der Folge wird der weitere Preisanstieg vermieden und die Wirtschaft normalisiert sich wieder, sobald der auslösende Preisschock verarbeitet ist.



Weiterführende Informationen

Artikel erstellt am 16.06.2020